KLEIDUNG

Was getragen wurde erfahren wir aus vielfältigen Bild- und Textquellen, doch wie wurde es gefertigt. Kleidungsfunde sind ungemein selten im mittelalterlichen Fundgut, da organische Materialien naturgemäß im Boden rasch vergehen. Noch seltener sind Funde von Textilien von Dorf- und Stadtbewohnern die Auskunft über diesen Aspekt aus dem mittelalterlichen Alltagsleben geben könnten. Zuweilen gibt es aber Bodenverhältnisse die Textilien konservieren. Hier sind nördliche Fundorte besonders wichtig, u.a. Herjolfsnes in Grönland, der Fund im schwedischen Bokstenmoor und Kragelund in Dänemark. Solches Fundmaterial und entsprechende Bildquellen des frühen 14. Jahrhunderts helfen uns dabei mittelalterliche Kleidungsstücke und Accessoires neu zu erstellen.


Gürtel, Leder (Beschläge = Messing)

Komplette Gürtel oder vollständige Beschläggarnituren sind selten im mittelalterlichen Fundgut. Entsprechend basiert auch dieser Gürtel mit einfachem Lederriemen "nur" auf dem Fund der Riemenzunge (1). Der ergänzte Schnallenrahmen mit sog. Perlstab gibt eine Form wieder die etwa von der Mitte des 13. Jh. bis Anfang des 14. Jahrhunderts in Gebrauch war (2). Da bei komplett erhaltenen Gürteln das Design von Beschläg und Zunge einander gleichen wurde auch hier dem entsprechend ergänzt.


Gürtel, Leder (Schnalle = Eisen)

Der hier verwendete, sehr schlichte, Schnallenrahmen orientiert sich an den Funden auf der Burg Thann. Dort fanden sich zwei solche D-förmige Rahmen. Einer aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts, der andere, aus dem Zeitraum 2. Hälfte 14. Jahrhundert bis 1. Viertel 15. Jahrhundert (2). Da sich solche Schnallen, wie in diesem Fall, meist lose finden, bleibt die Zuweisung zu einem Gürtel und somit zur Kleidung, nur eine Möglichkeit. Denkbar wäre auch die Zugehörigkeit zu Reitzubehör oder Rüstzeug (3).


Almosenbeutel, Wolle (Futter, Quasten und Schnürung = Leinen)

Am Gürtel getragen dienten sie zur Aufbewahrung von z.B. Schlüsseln oder Geld. Je nach Vermögen konnten Almosenbeutel auch reich verziert und bestickt oder aus kostbaren Material sein. Sie lassen sich in Bildquellen (4), mindestens seit dem späten 12. und bis ins 15. Jahrhundert nachweisen.


Gürteltasche, Ziegenleder Bayreuth, um 1340

Solche Taschen lassen sich, den Konstanzer Befunden entsprechen in das späte 13. und das 14. Jahrhundert datieren (5). Sie dienten, wie auch der Allmosenbeutel, zur Aufbewahrung von z.B. Schlüsseln oder Geld.


Messer, Eisen, Griff Holz mit Messing/Leder-Zier; (Scheide = Rindsleder) Creussen, Ende 13. Jahrhundert

Das dort gefunden Klingenfragment dient als Basis dieses Messers mit einer Klinge mit geradem Rücken, ein Typ der seine Hauptverbreitung vom 9. bis zum 14. Jahrhundert hatte (6). Da am Fund keine Griffreste erhalten sind wurde hier ein Griff mit Griffplättchenverzierung, wie im 13. und 14. Jahrhundert weit verbreitet (7) ergänzt. Die ebenfalls ergänzte, Messerscheide basiert auf einem Fund aus Schleswig und gibt einen Typ wieder der dort vom 11. bis 14. Jh. verbreitet war (8).


Bundhaube, Leinen

Wie schon im 13. Jh. ist die weiße, eng anliegend getragene, Bundhaube im 14. Jahrhundert fester Bestandteil der Herrenmode aller Stände, gelegentlich auch unter Hut oder Gugel getragen. Da nur mittelalterliche Miniaturen (9), aber weder archäologische Funde noch zeitgenössische Texte Auskunft über dieses Kleidungsstück geben, muss dessen eigentlicher Zweck und die Rekonstruktion spekulativ bleiben.


Gugel, Wolle

Hier mit Breit-/Bandschwanz auf Basis (Schnitt) von Herjolfsnes No. 66 (10). Die Gugel ist, mehr noch als die Bundhaube, fester Bestandteil Herrenmode des 14. Jahrhunderts. Seit dem Hochmittelalter kunsthistorisch nachzuweisen variieren über die Jahrhunderte die Breite des Schulterkragens und Länge des Schwanzes (11) (Zipfel). Dieser verlängert sich im Lauf des 14. Jahrhunderts zusehends und obwohl auch kurze Ausführungen weiter gebräuchlich bleiben erreicht er im ersten Viertel des Jahrhunderts nahezu den Gürtel und wird später so lang das er hinter den Gürtel gesteckt getragen werden kann.


Hut, Wollfilz

In mittelalterlichen Handschriften findet sich eine Vielzahl verschiedenster Hutformen. Schlichte einfarbige, ebenso wie reich ausgestattete Exemplare. Die hier gezeigte Hutform findet sich zum Beispiel mehrfach im Luttrell Psalter (12). Darunter auch ein, wie hier, einfarbig brauner Hut (13). Auch im sog. Codex Manesse (14) findet sich diese Hutform. Hier allerdings nur reich verziert und gefüttert. Die andersfarbigen, umgeschlagenen, Krempen lassen ein Futter vermuten (15).


Dreifingerhandschuhe, Wolle

Nach einer Miniatur aus dem Luttrell Psalter (16). Dort finden sie sich Mi-Parti (Wolle?) (17) und einfarbig Braun (Leder?) (18) Neben dem (Fünf)Fingerhandschuh und dem Fäustling ein Handschuhtyp der bis zum Ende des Mittelalters immer wieder auf Abbildungen zu sehen ist.


Bruoche (= mhd. für Hose), Leinen

Unter den Beinlingen getragen ist die Bruoche Teil der Beinkleider der Männer aller Stände. Wie schon bei der Bundhaube liegen auch für dieses Kleidungsstück keine archäologischen Funde vor. Nur mittelalterliche Miniaturen (19) können hier als Rekonstruktionsgrundlage dienen. Den Darstellungen aus der Zeit um 1300 gemeinsam ist eine weite, faltenreiche Ausführung. Sie scheinen um die Hüfte gebunden und bis zur Wade reichend. Da Brouchen überwiegend weis dargestellt wurden, dürften sie aus Leinen bestanden haben. Trotzdem muss die Rekonstruktion spekulativ bleiben.


Hosen (= mhd.  für Beinlinge), Wolle

Zusammen mit der Bruoche bilden die Beinlinge das Beinkleid der Männer aller Stände. Ob wie hier, entsprechend einer Abbildung im Heidelberger Sachsenspiegel (20), mit Steg oder mit Füßling ausgeführt, reichen sie bis zur Hüfte und werden vorne mit einem Nestelband am Brouchengürtel befestigt. In zeitgenössischen Miniaturen läst sich der hier gezeigte Typ mit nur einer Befestigung, mindestens von der Mitte des 13. Jh. bis zum Ende des 14. Jahrhunderts finden. Entsprechen den Miniaturen wie z.B. Codex Manesse oder dem Luttrell Psalter, wurden die Beinlinge eng anliegend getragen. Um die bei einem eng geschnittenen Kleidungsstück nötige Dehnbarkeit zu erhalten wurde der Schnitt diagonal zum Fadenlauf auf den Stoff übertragen.


Hosen (= mhd.  für Beinlinge) mit Füßling, Wolle

Zusammen mit der Bruoche bilden die Beinlinge das Beinkleid der Männer aller Stände. Ob wie hier, auf Basis (Schnitt) von Herjolfsnes No. 88 (1) mit Füßling oder nur mit Steg ausgeführt, reichen sie bis zur Hüfte und werden vorne mit einem Nestelband am Brouchengürtel befestigt. In zeitgenössischen Miniaturen läst sich der hier gezeigte Typ mit nur einer Befestigung, mindestens von der Mitte des 13. Jh. bis zum Ende des 14. Jahrhunderts finden. Entsprechen den Miniaturen wie z.B. Codex Manesse oder dem Luttrell Psalter, wurden die Beinlinge eng anliegend getragen. Um die bei einem eng geschnittenen Kleidungsstück nötige Dehnbarkeit zu erhalten wurde der Schnitt diagonal zum Fadenlauf auf den Stoff übertragen.


Halbschuhe (mit Schnürverschluss), Rindsleder Bayreuth, spätes 14./frühes 15. Jahrhundert.

Dieser Schuhtyp läst sich für weite Teile Mittel- und Nordeuropas in der Zeit vom 12. bis ins 15. Jh. nachweisen, flächendeckend im 14. und 15. Jahrhundert (22).


Hohe Schuhe (mit Knöpfverschluss), Rindsleder Bayreuth, 14. Jahrhundert

Solche Schuhe mit quer über den Rist laufenden Kropfschlitz und einem Knöpfverschluss, lassen sich für weite Teile Mittel- und Nordeuropas in der Zeit vom 12. bis ins 15. Jh. nachweisen, mit Schwerpunkt im 13. und 14. Jahrhundert (23).


Trippen, Laubholz (Oberblatt = Rindsleder)

Männer und Frauen aller Stände trugen solche hölzernen Unterschuhe um ihr empfindliches ledernes Schuhwerk vor dem Schmutz der mittelalterlicher Straßen zu schützen (24). In den Funden aus Londoner datiert eine Trippe in das frühe 13. Jh. (25) und aus Nürnberg um 1450 (26).


1) Fingerlin 1971, S. 89 2) Fingerlin 1971, S. 69f.

2) Steger 1999, 275ff.

3) Gross 2004, S.109ff.

4) Für die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts z.B. in: Große Heidelberger Liederhandschrift (Codex Manesse), 1305-40, S. 64r und Luttrell Psalter (1325-35), fol. 186v

5) Schnack 1994, S. 43

6) Holtmann 1993, S. 110

7) Holtmann 1993, S. 430

8) Schnack 1998, S. 20

9) Für die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts z.B. in: Große Heidelberger Liederhandschrift (Codex Manesse), 1305-40, u.a. S. 64r und der Heidelberger Sachsenspiegel, Anfang 14. Jh., u.a. fol. 9v

10) Nörlund 1924, S. 154f.

11) Die Bezeichnung des Gugelschwanzes als "Sendelbinde" findet sich in keinem bekannten mittelalterlichen Text, ebenso wenig in den gängigen mittelhochdeutschen und etymologischen Wörterbüchern. Vielmehr leitet sich das Wort etymologisch von der Bezeichnung "Zendal", einem Seidenstoff, ab und beschreibt ein dünnes Band aus schmückendem Seidenstoff. Woher der Begriff „Sendelbinde“ stammt und wie er zur Gugel fand bleibt vorerst unbekannt. Nachweisen lässt er sich erst in den Kostümkundebüchern des 19. Jahrhunderts.In: Kania, Katrin: Übersehen - verkannt - vergessen. Die Gugel in Wort, Bild, Fund und Experiment. Unveröffentlichte Magisterarbeit, Bamberg 2003, S. 39ff.

12) Luttrell Psalter, Add. MS 42130; England ca. 1325 - 35

13) Luttrell Psalter, u.a. f. 170

14) Große Heidelberger Liederhandschrift (auch Codex Manesse), Cod. Pal. germ. 848; Schweiz, ca. 1300 - 40

15) Große Heidelberger Liederhandschrift, u.a. 14v oder 339r

16) Luttrell Psalter, Add. MS 42130; England ca. 1325 - 35

17) Luttrell Psalter, u.a. fol. 87v

18) Luttrell Psalter, u.a. fol. 196v

19) Für die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts z.B. in: Große Heidelberger Liederhandschrift (Codex Manesse), 1305-40, fol. 113v

20) fol. 17r

21) Nörlund 1924, S. 183f.

22) Bischof 2010, S. 102f

23) Bischof 2010, S. 103

24) Schnack 1994, S. 33

25) Grew 1988, S. xx

26) Gebietsausschuss Fränkische Schweiz 1997, S. 237