Die Hussiten in Bayreuth - Wir sind dann mal weg

Bayreuth, 1. März 2026

 

Wenn man über die Hussiten und Bayreuth liest, geht das in der Regel ganz schnell. Etwa so: Am 6. Februar 1430 fallen die Hussiten in Bayreuth ein und zerstören die Stadt sowie ihre Vororte nahezu vollständig. Manchmal liest man auch noch, dass dabei alle Schriftlichkeit der Stadt verloren ging. Was natürlich alles richtig ist. ABER, das „Beste“ fehlt. Und das liest sich wie folgt:

Im Angesicht der herannahenden Hussiten hatte sich Markgraf Friedrich I. nach Bayreuth begeben, um dort die Befestigung zu überprüfen und die Besatzung zu verstärken. Offensichtlich um die Stadt zu verteidigen, wie sein Versprechen an die Bayreuther Bürger « er wolt pei in sterben und verderben » zeigt. Da die von ihm dafür benötigte und erbetene Verstärkung aus Nürnberg, Würzburg und Eichstätt aber nur zu geringen Teilen eintraf, entschied sich der Markgraf in letzter Minute, die zugegebenermaßen schwach befestigte Stadt zu verlassen. Das allerdings nicht aus Feigheit, wie es ihm im Tagebuch des Endres Tucher (1400-1440), Vater des gleichnamigen Nürnberger Baumeisters, unterstellt wurde, sondern um sich mit Kaspar von Waldenfels zu treffen, welcher wiederum hoffte, mit den Hussiten über deren Abzug verhandeln zu können. Natürlich folgten dem Markgrafen auch seine Truppen.

Diesem „Beispiel“ folgte, quasi auf dem Fuß, dann auch gleich der Rat der Stadt, welcher damals mit den Bürgern im Streit lag und dem scheinbar die eigene Sicherheit näher lag als die Sicherheit der Stadt. Dem wiederum folgten ein Großteil der Bevölkerung, samt der wehrfähigen Männer. Was das somit nahezu wehrlose Bayreuth zur leichten Beute für die Hussiten machte. Dabei brannten nicht nur Häuser und Kirchen vollständig nieder, auch Gärten, Wiesen und Felder wurden verwüstet, wodurch nach dem Abzug der Hussiten noch der Hunger kam.

Daneben lässt sich noch lesen, dass der Markgraf den Rat noch (schriftlich) angewiesen hatte, den Hussiten für die Schonung der Stadt ein Lösegeld anzubieten. Nur war dieser eben schon geflohen.

Die Zurückgebliebenen, so schrieb jedenfalls Johann Georg Heinritz 1823, hatten ihrerseits noch mit den Hussiten verhandelt und diesen wohl auch ein stattliches Lösegeld gezahlt, was aber die Zerstörung der Stadt nicht mehr abwenden konnte. Ganz anders als in Bamberg. Dort gelang die Verhandlung bezüglich eines Lösegeldes und so die Schonung der Stadt. Und das, obwohl sich auch hier der Rat, ein Großteil der Bevölkerung und mit ihnen das Domkapitel aus dem Staub gemacht hatten.

 

Bild: War Wagon - Manuscript on the Art of War. Johannes Wienner via Wikimedia Commons. Public domain.

Quellen/Literatur:
Heinritz, Johann Georg: Versuch einer Geschichte der k. B. Kreis-Haupt-Stadt Baireuth. Band 1.
Bayreuth 1823. URL: https://www.bayreuth.de/wp-content/uploads/2019/02/Heinritz_Geschichte-der-Stadt-Bayreuth.pdf. Stand 26. Januar 2026.

Holle, Johann Wilhelm: Alte Geschichte der Stadt Bayreuth von den ältesten Zeiten bis zur Abtretung derselben an die Krone Preusen im Jahre 1792. Bayreuth 1833. URL: https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb10374687?page=,1. Stand 14. Dezember 2025.

Schlesinger, Gebhard: Die Hussiten in Franken - Der Hussiteneinfall unter Prokop dem Großen im Winter 1429/30, seine Auswirkungen sowie sein Niederschlag in der Geschichtschreibung. Die Plassenburg - Schriften für Heimatforschung und Kulturpflege in Ostfranken, Band 34. Kulmbach 1974.


Bayreuth 1320 in Bayreuth 2026 - Save the dates

Bayreuth, 22. Februar 2026

 

Alle Jahre wieder … vielen Dank für die immer wiederkehrenden Einladungen des Historischen Vereins für Oberfranken e. V. … wird es auch in 2026 wieder "Bayreuth 1320" hier in Bayreuth geben! Sogar einmal mehr als in den Jahren zuvor. Denn zu unserer üblichen Stadtführung kommt noch eine zweite Stadtführung hinzu. Beide laufen unter dem Titel "Sachen und Sachliches aus dem mittelalterlichen Bayreuth“ und sind inhaltlich nahezu deckungsgleich. Lediglich weniger kindgerechte Themen werden bei der Familienführung ausgeklammert. Dabei geht es, wer unsere Führungen kennt wird es wissen, in die Lebenswelt der Taglöhner, Knechte und Mägde unserer Heimatstadt von vor 700 Jahren. In die Lebenswelt der Otto-Normalbayreuther des 14. Jahrhunderts also.

Und dann gibt es noch den "Langen Museumsabend im Archäologischen Museum"! Beim dem geht es dann sogar noch weiter zurück in der Zeit. Nämlich bis in die Bronzezeit. So die Planung Stand heute. Neugierig geworden? Dann kommt doch einfach vorbei! Wir und der Historische Verein Oberfranken e.V. würden uns freuen!

 

Flyer und Poster als PDF zum Download*

Zeitreisestadtführung am 22. August 2026, 14:00 Uhr

Zeitreisestadtführung am 5. September 2026, 14:00 Uhr

Langer Abend im Archäologischen Museum Bayreuth

 

*Zum öffnen/betrachten benötigen Sie den Adobe Reader


Öffentliche Toiletten im Spätmittelalter - Nein! Doch!! Ohh!!!

Bayreuth, 15. Februar 2026

 

Das Thema der öffentlichen Toiletten im Spätmittelalter hatten wir ja schon einmal in unserem Widerspruch bezüglich einer ansonsten sehr guten Fernsehdokumentation zum Thema Dreckiges Mittelalter gestreift. Zu lesen HIER bei uns im Blog unter "Sauberes Mittelalter - Doku einmal anders", vom 19. Oktober 2025. Dass wir mit dem Thema "Öffentliche Toiletten" allerdings so dermaßen einen Nerv getroffen haben, hätten wir so nicht gedacht. Deswegen jetzt und hier ein paar Zeilen mehr dazu … vielleicht auch um das Thema hier im Blog noch etwas sichtbarer zu machen.

Also: Gefunden bzw. nachgewiesen gefunden haben wir die öffentlichen Nürnberger Aborte per Zufall, wen wundert’s, im Baumeisterbuch von 1464-1475 des Endres Tucher (1), unter der Überschrift "Von der stat nachtmeister". Der schreibt dort wie folgt: « Auch so soll ein paumeister in acht haben und alle jar die gemeinen heimlichen gemach, die auf der Pegnitz sein do die mann und frawen auf geen, eind raumen und saubern lassen, alleweg umb Martini ee und die kelt angeet so mügen sie es recht saubern und gewinnen. dovon gibt inen ein paumeister sechtzig pfenning. der gemache und heuslein ist eines hinter dem Wildpat, eines pei dem Schießgraben, eines pei der Mang, eines pei der parfüsen prücken, eines auf dem Sweinmarckt, eines pei der steinen prücken, eines bei dem Irhertürlein. »
Der Text selbst lässt sich mit etwas Fantasie leicht übersetzen. Die Ortsangaben zu den einzelnen Häuschen bereiten dagegen schon mehr Schwierigkeiten. Fast alle Orte haben heute andere Namen oder existieren als solche nicht mehr. So lag, von Ost nach West (im Bild von 1 bis 7), das "Wildpat", ein Heilbad mit eisenhaltiger Mineralquelle, nahe der Stadtmauer auf der Hinteren Insel Schütt. Das entspricht in etwa dem Gelände der heute dort liegenden Grundschule Nürnberg. Der Schießgraben als solches existiert heute noch und verläuft vom 1582/83 errichteten und heute noch stehenden Herren-Schießhaus Richtung Norden und bergauf entlang der Grübelstraße. Das Aborthäuschen dürfte allerdings ein paar Meter südlicher, am Ort des heutigen Andreij-Sacharow-Platzes, auf einem heute nicht mehr existierenden Seitenarm der Pegnitz gestanden haben. Die "Mang" als Ortsangabe meint dann das ehemals am (Männer-)Schuldturm anstehende Manghaus auf der Vorderen Insel Schütt. Die "parfüsen prücken" bezeichnet einen Vorläufer der heutigen Museumsbrücke, der "Schweinmarckt" den heutigen Trödelmarkt und die "steinen prücken" die heutige Maxbrücke vor ihrem Umbau sowie das "Irhertürlein", wohl den Vorgänger des heutigen Hallertürlein darstellt. Auffällig dabei, die nahezu gleichmäßige Verteilung entlang der Pegnitz und quer durch die Stadt.

Leider beschreibt Endres Tucher uns weder Größe, Art noch Beschaffenheit der Aborthäuser, sondern lediglich, dass sie « … auf der Pegnitz sein … ». Also auf oder über dem Wasser stehen (?). Vielleicht so wie im Bildausschnitt aus Blatt VII des sog. Braunschen Prospekts der Stadt Nürnberg von 1608 (Bild links), welcher ein aufgeständertes Holzgebäude (unbekannter Funktion) neben der "parfüsen prücken" in der Pegnitz stehend zeigt.

So viel zu den öffentlichen Toiletten des spätmittelalterlichen Nürnbergs. Dabei hatte Nürnberg hierbei mit Sicherheit kein Monopol. Zumal bekannt ist, dass mancherorts schon im 14. Jahrhundert solche Anlagen errichtet wurden (2). Namentlich fanden wir solche öffentlichen Aborte, jetzt auf die Schnell und für diesen Artikel, aber nur für die Städte Basel (1493/94) (3), München, Hildesheim und Magdeburg (1425) dokumentiert (4). Vielleicht kennt ihr ja noch weitere Städte, die hierbei noch zu nennen wären. Vielleicht ja sogar eure Heimatstadt. Lasst es uns wissen, wir ergänzen dann unsere Auflistung. Mail genügt.

 

1) Weech 1862, S. 113.

2) Kühnel 1996, S. 58.

3) Matt 2008, S. 87.

4) Kühnel 1996, S. 58.

Bild links: Des Hieronymus Braun Prospekt der Stadt Nürnberg vom Jahre 1608. Blatt VII (Ausschnitt). Verein für Geschichte der Stadt Nürnberg: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg, 12. Heft 1898, via Münchner Digitalisierungszentrum - Digitale Bibliothek. URL: https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb00001004?page=90,91. CC BY-NC-SA 4.0. Stand 18. Dezember 2025.

Bild rechts: Grundriss der Stadt Nürnberg (Ausschnitt) von Paul Pfinzing, welcher seinerseits eine Nachzeichnung eines frühesten Stadtgrundrisses von 1555 darstellt, welche wiederum Georg Nöttelein zugeschrieben wird. Welcher wiederum auf einem hölzernen Stadtmodell von 1540 beruht. Paul Pfinzing via Wikimedia Commons. URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Pfinzing_N%C3%BCrnberg_Grundriss.jpg. Public domain. Stand 18. Dezember 2025.


Ver- und Entsorgung auf spätmittelalterlichen Schiffen - Neues von der Kogge

Bayreuth, 8. Februar 2026

 

Wie war das eigentlich mit der Lebensmittelzubereitung und der Notdurft auf mittelalterlichen Schiffen? Keine Ahnung müssen wir da eingestehen. Ist ja auch so ganz und gar nicht unser Thema. Allerdings haben uns da dieser Tage drei, wie wir finden, spannende Lesetipps etwas Einblick verschafft. Zumindest wenn es um Koggen geht. Und diese Einblicke wollen wir euch hier kurz vorstellen. Tipp 1 (siehe Links 1 und 2 unter dem Text) habt ihr eventuell dieser Tage auch schon selbst mitbekommen. Marinearchäologen des Wikingerschiffsmuseums Roskilde haben vor Kopenhagen im Öresund, in etwa 13 Metern Tiefe, das Wrack einer Kogge gefunden. Wie man inzwischen weiß ist es sogar das Wrack der größten jemals entdeckten Kogge. Vormalige Länge 28 Metern Länge, Traglst 300 Tonnen.

Das auf den Namen „Svælget 2“ getaufte Wrack ist dabei erstaunlich gut erhalten. Sogar und das erstmalig, haben sich nicht nur der Rumpf, sondern auch Teile des Heckkastells erhalten. Ebenso und jetzt wird es erstaunlich, die Kombüse (Küche). Und in dieser, Ziegelsteine und Fliesen ihrer Ausmauerung. Daneben noch Reste des Ess- und Kochgeschirrs.
Die „Svælget 2“ wurde übrigens 1410 in den Niederlanden gebaut und wird derzeit im Nationalmuseum in Brede aufwendig konserviert. Aber seht und lest selbst.

Tipp 2 (siehe Link 3 unter dem Text) ist schon fast ein halbes Jahrhundert alt und betrifft die Sache mit dem Klogang. Verrichtete man diesen direkt über Bord oder bediente man sich dazu eines Eimers den man über die Reling entleerte? Bei Wikingerschiffen und kleineren Booten kann man das annehmen. Allerdings geht es auch anders, wie das Wrack einer Kogge zeigt, die in den 1960er Jahren in der Weser bei Bremen gefunden wurde und die auf 1380 datiert. In ihr nämlich, genauer in der hinteren Ecke ihres Heckkastels auf Steuerbordseite, ein Abortkasten. Und der sieht seinen Brüdern an Land doch sehr ähnlich. Aber seht und lest auch hier selbst.


Artikel auf der Seite von scinexx.de - das wissensmagazin: Wrackfund: Größte Kogge der Welt entdeckt - Archäologen finden "Super-Schiff" aus dem Mittelalter im Øresund. URL: https://www.scinexx.de/news/archaeologie/schiffswrack-groesste-kogge-der-welt-entdeckt/. Stand 25. Januar 2026.

 

Artikel auf der Seite des Vikingeskibs Museet (Wikingerschiffmuseum):  Archaeologists reveal a medieval super ship: "It's the World’s largest cog". URL: https://www.vikingeskibsmuseet.dk/en/news/archaeologists-reveal-a-medieval-super-ship-its-the-worlds-largest-cog. Stand 25. Januar 2026.

 

Artikel auf der Seite von SSOAR - Social Science Open Access Reository: Zur Hansekogge von 1380 - Beschreibung der ältesten erhaltenen Schiffstoilette; mit allgemeinen Bemerkungen zur Entsorgung auf mittelalterlichen Schiffen. URL: https://www.ssoar.info/ssoar/handle/document/49618. Stand 25. Januar 2026.

 

Bild: Kieler Hansekogge auf der Kieler Woche 2007. Nachbau der bei Bremen 1962 aufgefundenen Bremer Kogge von 1380. Fertigstellung des Nachbaus: 1991. VollwertBIT via Wikimedia Commons, CC BY 2.5.


Erfurt - Alte Häuser gucken II

Bayreuth, 1. Februar 2026

 

Ist es eigentlich nötig Erfurt als Reiseziel zu empfehlen? Definitiv nein! Warum auch, ist es doch als solches weit bekannt. Wir tun’s trotzdem. Und zwar als Reiseziel für Profanbaunerds mit Leistungskurs Mittelalter und frühe Neuzeit.
Dabei fallen einem in Erfurt eigentlich als erstes die scheinbar unzähligen Kirchen auf. Laut offiziellem Portal der Stadt sind es heute 52 an der Zahl. Es gibt aber natürlich auch so einige bis ins Mittelalter zurückreichenden Profanbauten unter den 1630 Einzeldenkmalen und 54 Ensembles des größten Flächendenkmals Deutschlands. Der Altstadt von Erfurt. Begonnen mit der berühmten und inzwischen auch schon 700 Jahre alten Krämerbrücke, welche wir hier mal außen vor lassen wollen, denn wir haben da, nur einen Steinwurf weit davon entfernt, in der Rathausgasse, etwas wirklich Einzigartiges entdeckt. Das sogenannte Steinerne Haus. Und das haben wir euch kurzerhand mitgebracht.

Erbaut wurde das Steinerne Haus um 1250, sein Keller aber allerdings etwa 50 Jahre vorher. Erstaunlich, wie wenig es in den über 750 Jahren verändert wurde. Und das, obwohl es bis heute genutzt wird. Das Erdgeschoss und das zweite Obergeschoss beherbergen zurzeit Büros, der Keller das Schaudepot mittelalterlicher, jüdischer Grabsteine. Lediglich das erste Obergeschoss steht leer. Und das nicht ohne Grund. Darin hat ein Raum im Erscheinungsbild des 13. Jahrhunderts die Zeit überdauert. Samt verputzter Sandsteinwände mit Fugenritzung und einer bemalten Holzdecke. Letztere gilt als älteste gefasste (= bemalte) Holzdecke nördlich der Alpen in einem Profanbau. Leider ist sie, bzw. der Raum nicht zu besichtigen. Mach aber nix, wir haben da nämlich auf der Homepage der FH Erfurt was gefunden. Schaut mal HIER.

 

Unteres Bild: Zugesetztes Türgewände aus der Zeit um 1300. 


Der Chor der Klosterkirche - Kurz und knapp VIII

Bayreuth, 25. Januar 2026

 

Was es nicht alles gibt! Da steht doch tatsächlich der Rest eines gotischen Chors integriert in die Rückseite des Gebäudes der ehemaligen und scheinbar leerstehenden Hypo Vereinsbank AG in der Königsstraße mitten in Nürnberg. Einzusehen in der Findelgasse, gegenüber Hausnummer 4. Was es damit auf sich hat, lässt sich recht schnell auf der Homepage des Hauses der Bayerischen Geschichte nachlesen. Es handelt sich, schlicht und einfach, um den letzten Rest der Franziskaner- oder Barfüßerkirche bzw. der letzte Rest des gesamten Franziskaner- oder Barfüßerklosters, das dort vormals am Ufer der Pegnitz stand.

Geweiht wurde die Kirche erstmals im Dezember 1268 und ein zweites Mal nach mehrfachen Umbauten im Jahr 1434. Wie man sich die ehemals zugehörige Kirche vorstellen sollte, zeigt das sog. Braunsche Prospekt (Bild 2) von 1608.
Diese natürlich gotische Kirche wurde allerdings am 1. Oktober 1671 ein Raub der Flammen. Glücklicherweise blieben bei diesem Brand aber ein Teil des Langhauses und der Chor von den Flammen verschont, sodass man sie in den 1689 fertiggestellten barocken Neubau der Kirche integrieren konnte. Natürlich nicht ohne sie zu modernisieren/barockisieren (Bild 3).

Keine 120 Jahre später, im Jahr 1806, musste die Kirche dann allerdings einem Privathaus Platz machen. Erstaunlicherweise, aber nur ihr westlicher Teil. Ein Teil des gotischen Langhauses samt Chor konnte stehen bleiben und erfuhr dann noch über 100 Jahre lang die verschiedensten Nutzungen, bevor er dann 1913 fast vollständig dem bis heute dort stehenden Bankgebäude weichen musste. Lediglich ein Joch des Chores und der Chorabschluss wurden stehen gelassen und in die Rückseite des Nachfolgebaus/Bankgebäudes integriert. Womit sich abgesehen von einer Grabplatte aus der Kirche, die heute im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg liegt, ein wunderbares Zeugnis des drittältesten Klosters in Nürnberg erhalten hat. Vor aller Augen und doch irgendwie gut versteckt.

 

Bild 2) Des Hieronymus Braun Prospekt der Stadt Nürnberg vom Jahre 1608. Blatt VI und VII (Ausschnitt). Verein für Geschichte der Stadt Nürnberg: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg, 12. Heft 1898, via Münchner Digitalisierungszentrum - Digitale Bibliothek. URL: https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb00001004?page=90,91. CC BY-NC-SA 4.0. Stand 18. Dezember 2025.

Bild 3) Schmidt, Ulrich: Das ehemalige Franziskanerkloster in Nürnberg. Nürnberg 1913. URL: https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bvb:29-bv005062339-5. Illustration 3. Stand 3. Januar 2026. Public Domain Mark 1.0.

Quellen/Literatur:
Siegel-Weiß, Claudia: Die "Minderbrüder" in Nürnberg auf der Homepage des Hauses der Bayrischen Geschichte. URL: https://hdbg.eu/kloster/index.php/detail/geschichte?id=KS0290. Stand 10. Januar 2026.
Schmidt, Ulrich: Das ehemalige Franziskanerkloster in Nürnberg. Nürnberg 1913. URL: https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bvb:29-bv005062339-5. Stand 3. Januar 2026. Public Domain Mark 1.0


British Library Archives and Manuscripts - Es geht aufwärts

Bayreuth, 18. Janunar 2026

 

Kaum einer von uns, der ihn nicht mitbekommen hatte. Den Cyberangiff vom Oktober 2023 auf die British Library und seine Folgen. Die Website, ihre Systeme und Dienste, ob vor Ort oder online, waren ge- oder besser zerstört. Darunter leider auch der Zugang zu den Digitized Manuscripts. Letztere sind für viele von uns ein unverzichtbares Standbein bei der Recherche.
Glücklicherweise geht es aber wieder aufwärts. Denn inzwischen gibt es eine Beta- bzw. Interimsversion des von uns so geschätzten und vermissten Archives and Manuscripts Catalogue. Diese enthält allerdings zurzeit nur Katalogeinträge, die vor Oktober 2023 erstellt wurden. Die aber wieder voll durchsuchbar. Darunter glücklicherweise auch die westlichen Handschriften und Archivdokumente des Mittelalters. Neu katalogisierte Artikel finden sich darin aber vorerst noch nicht. Wird aber noch. Und wenn es dann soweit ist … wir geben Bescheid.


Bild: London British Library - 2024-08-06 (Bildausschnitt). Till Westermayer via Wikimedia Commons. CC BY-SA 2.


3 Sonderausstellungen im GNM - Auf nach Nürnberg

Bayreuth, 9. Januar 2026

 

Schon mitbekommen? Im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg laufen derzeit drei Sonderausstellungen gleichzeitig! In allen dreien wird das Nürnberg des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet. Ziemlich spannend, wie wir finden, und ein guter Grund, mal wieder im GNM vorbeizuschneien. Was wir natürlich schon längst gemacht haben. Und gleich vorne weg, wir vergeben ein "Großartig" für NÜRNBERG GLOBAL, ein "Wow" für FASTNACHT und ein "Naja, wenn man schon mal da ist" für die sehr überschaubare Studioausstellung BAUSTELLE NÜRNBERG. Aber vielleicht macht ihr euch selbst ein Bild.

Noch bis zum 15. Februar 2026 läuft dort auf Ebene 0 in der Ausstellungshalle 2 die Ausstellung FASTNACHT - TANZ UND SPIELE IN NÜRNBERG, die sich der Geschichte der Nürnberger Fastnacht und den berühmten Schembartläufen von 1449 bis 1539 widmet. Was für eine bunte Ausstellung, was für ein buntes Treiben über fast 200 Jahre, wenn man seinen Vorläufer, den Metzgertanz, hinzuzählt!

Nur einen Raum weiter, in Ausstellungshalle 1 und noch bis zum 22. März 2026, gibt es die Ausstellung NÜRNBERG GLOBAL 1300 - 1600. Sie zeigt das Nürnberg des Spätmittelalters und der Renaissance als Zentrum einer tatsächlich schon glo­ba­li­sie­rten Welt des Handels, der Kunst und des Wissens. Unglaublich dabei, wie weit her so manches Gut nach Nürnberg gehandelt wurde, aber auch welch hohen, manchmal auch unmenschlichen Preis solcher Luxus hatte.
Zu guter Letzt wäre da noch auf Ebene 1, in einem kurzen Seitengang der Dauerausstellung "Renaissance, Barock, Aufklärung“ und noch bis zum 25. Mai 2026, die Studioausstellung BAUSTELLE NÜRNBERG - 550 JAHRE BAUMEISTERBUCH DES ENDRES TUCHER. Diese Ausstellung gewährt … besser die dort im Original gezeigten zwei Baumeisterbücher, des Lutz Steinlingers (1452) und des Endres Tucher (1464-75), gewähren einen wunderbaren Blick hinter die Kulissen einer prosperierenden Stadt des 15. Jahrhunderts. Beide niedergeschrieben vom den beiden Stadtbaumeistern selbst. Gedacht für ihre Nachfolger. Lebendig gemacht durch (leider nur wenige) Objekte aus der Sammlung des GNM und von verschiedenen Leih­gebern.

Was für euch dabei? Dann ab ins Verkehrsmittel eurer Wahl und auf nach Nürnberg! Und wenn ihr von weiter weg angereist seid, was sich allein schon für NÜRNBERG GLOBAL unbedingt lohnt, plant noch etwas Zeit für die Altstadt zwischen Hauptmarkt, Hallertor und Kaiserburg ein. Denn jetzt nach dem Christkindlmarkt und noch vor der Spielwarenmesse ist Nürnberg ganz Nürnberg. Außerdem muss man vor der Kaiserburg bzw. dem Kaiserburgmuseum nicht Schlange stehen.


Ein gesundes 2026

Neujahr - Neues Jahr, neues Glück

Bayreuth, 1. Januar 2026

 

Bayreuth 1320 wünschen euch allen, beste Gesundheit, viel Glück und Erfolg und jede Menge Spaß bei all euren Vorhaben im neuen Jahr. Vielleicht trifft man sich ja auf der einen oder anderen Veranstaltung.


Frohe Weihnachten

Weihnachten 2025 - Alle Jahre wieder

Bayreuth, 24. Dezember 2025

 

Erneut geht ein ereignisreiches Jahr zu Ende und es wird Zeit für unser alljährliches und großes DANKESCHÖN. Dafür, dass ihr uns hier nun schon so lange die Treue haltet. Dafür, dass ihr immer wieder (mit leicht steigender Tendenz) bei uns vorbeischaut. Und das nicht nur hier, sondern auch bei den Veranstaltungen, bei denen wir dabei sein durften.
Ein noch größeres DANKESCHÖN geht an die Helfer in Museen, Bibliotheken, Archiven und auf Veranstaltungen für ihre hundertfache Hilfe.

Euch allen wünscht Bayreuth 1320 viel Freude an den kommenden Festtagen! Feiert schön und lasst euch reich beschenken.


Berner Abwassertechnik auch in Bayreuth? - Wer weiß … was

Bayreuth, 17. Dezember 2025

 

Bei der Recherche zu: "Badehäuser, Tappert, Kottgass - Ein Stadtführungssplitter" HIER weiter unten im Blog, sind wir beim Durchforsten der Quellen über folgenden Satz gestolpert: « In Bern wurden mit dem Abwasser des Stadtbaches im vierzehntäglichen Turnus die Ehgräben gespült. ».

Gestolpert deswegen, weil uns vor Jahren bei einer unserer Stadtführungen hier in Bayreuth dasselbe über das historische Abwassersystem hier in der Stadt gesagt wurde. Ob unser Stadtführer denn nicht wisse, dass der Tappert regelmäßig angestaut wurde, um mit seinem Wasser die Ehgräben zwischen den Häusern zu spülen? Nein, wusste er nicht. Hatte es so auch bis dahin nirgends gehört oder gelesen. Dementsprechend perplex war unser Mann da also und hat deshalb auch ganz vergessen zu fragen, wann in Bayreuth so verfahren wurde und aus welcher Quelle diese Information stammt. Leider geriet uns das Thema obendrein ziemlich schnell aus dem Fokus. Erst der oben zitierte Satz brachte es uns wieder in Erinnerung. Gefunden haben wir allerdings seitdem und bis jetzt immer noch nichts Entsprechendes.

Aber wir haben bei der Gelegenheit bezüglich Bern noch etwas genauer nachgestöbert. Und tatsächlich existiert dort wohl schon seit der Gründung um 1200 ein künstlich angelegtes System aus separaten Frisch- und Abwasserkanälen. Namentlich ist das der Stadtbach, der die Stadt (noch bis heute) von West nach Ost durchfließt und sie damals mit Brauchwasser und Löschwasser versorgte und seine Seitenarme, die tatsächlich als Ehgräben genutzt wurden. Diese Seitenarme zweigten bald nach dem Eintritt des Bachs in die Stadt von diesem ab und verliefen zwischen den Rücken an Rücken stehenden Häuserreihen. Darin hinein entsorgten die Anrainer ihre Schmutzwässer, Fäkalien und Abfälle. Das so entstandene Abwasser floss dann in den Seitenarmen/Ehgräben am Stadtende wieder dem Stadtbach zu und gelangte dort mit diesem aus der Stadt und in die Aare. Für das oben angeführte periodische Spülen bediente man sich eines Systems von Schiebern, mit welchen der Bachmeister die Wassermenge der einzelnen Stränge steuern konnte, sodass in den Ehgräben auch wirklich nichts zurückbleiben konnte. Was für ein überaus modernes Kanalisationssystem!

Der eigentliche Stadtbach in Bern diente aber wie gesagt, der Brauch- und Löschwasserversorgung. Analog zu Bayreuth. Und ebenfalls wie in Bayreuth, ausdrücklich nicht zur Entsorgung von Abfällen und Abwässern. Dass dies aber auch in Bern trotzdem vorkam, zeigen dort einschlägige Klagen und immer wieder bekräftigte Vorschriften. Ebenfalls ganz wie in Bayreuth. Und das über Jahrhunderte hinweg.

Ob man in Bayreuth allerdings auch so fortschrittlich mit seinen Abwässern umgegangen ist wie in Bern, dazu schweigen unsere (mit Sicherheit nicht vollständigen) Quellen. Aber vielleicht könnt ihr uns da weiterhelfen. Ist euch diesbezüglich jemals etwas untergekommen? Uns reicht schon ein Buchtitel oder ein Link. Mail genügt.

 

Bild: Ehgraben? Traufgasse? Zugang zum Hofraum? Bayreuth, Maximilianstraße.

Quellen/Literatur:

Illi, Martin: Wasserentsorgung in spätmittelalterlichen Städten. In: Borst, Otto (Hrsg): Die alte Stadt 20. Jahrgang, Heft 3/1993 - Wasser und Stadt. S. 221-228. URL: https://forumstadtverlag.de/wp-content/uploads/simple-file-list/20-Die-alte-Stadt-3-1993_Wasser-und-Stadt.pdf. Stand 29. Oktober 2025.

Baeriswyl, Armand: Sodbrunnen, Stadtbach, Gewerbekanal - Wasserversorgung und -entsorgung in der Stadt des Mittelalters und der frühen Neuzeit am Beispiel von Bern. In: Rippmann, Dorothee, Schmid, Wolfgang, Simon-Muscheid, Katharina: … zum allgemeinen statt nutzen - Brunnen in der europäischen Stadtgeschichte. Trier 2008. S. 55-68.


Blumentöpfe II - Morgen, Leute, wird’s was geben

Bayreuth/Egloffstein, 7. Dezember 2025

 

Also vielleicht wird’s nicht gleich morgen was geben, aber auf jeden Fall in den nächsten Tagen. Die zwei Schätzchen, die wir bei der Keramikerin unseres Vertrauens in Auftrag gegeben haben und die inzwischen fertig sind, warten nämlich auf Abholung. Und ja, falls ihr unseren Blogbeitrag "Blumentöpfe - Drüber gestolpert" vom 15. Juni 2025 HIER unter VERMISCHTES gelesen habt, werdet ihr es wissen, es sind Blumentöpfe. Genauer gesagt, sind es ein Blumentopf mit Zinnenabschluss, angelehnt an entsprechende, in Freiberg gemachte und von Cornelia Pönitz publizierte Funde, sowie ein, zwar glasierter, aber schlichter Blumentopf aus Nürnberg.

Letzterer entstammt einer archäologischen Grabung anlässlich der bauhistorischen Untersuchung der Gebäude Kühnersgasse 18-22 (heute Museum 22 20 18) in den Jahren 2003 und 2004. Dort damals ganz neutral als Siebgefäß angesprochen. Dass es sich dabei allerdings explizit um Blumentöpfe handeln müsste, zeigt unserer Meinung nach die Beschreibung dieser Sonderform der Gefäßkeramik durch Cornelia Pönitz. Sie nämlich beschreibt die Blumentöpfe des 15. Jahrhunderts (die so noch bis ins späte 17. Jahrhundert vorkamen) als meist doppelhenklige, halbhohe steil-/schrägwandige Töpfe, mit weiter Mündung und Löchern im Boden oder bodennah in der Gefäßwand. Und damit genau so einen Topf wie er hier zu sehen ist bzw. wie er 2003/04 in Nürnberg gefunden wurde.

Und bevor ihr jetzt fragt: NEIN, die Schätzchen sind NATÜRLICH NICHT für unseren 1320er-Haushalt, sondern für daheim auf die Fensterbank. Einfach nur so … weil sie schön sind!

 

Bilder: Anna Axtmann

Quellen/Literatur:

Pönitz Cornelia: Eine (außer-)gewöhnliche Gefäßkeramik - Blumentöpfe als Sonderform. In: Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit. Band 36, 2023. S. 53-62. URL: https://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/mitt-dgamn/article/view/105438. Stand 26. Mai 2025.

John P. Zeitler: Die Ausgrabungen in den Häusern Kühnertsgasse 18-22 - Neue Erkenntnisse zur Nutzung Im Mittelalter und der frühen Neuzelt. In: Altstadtfreunde Nürnberg: Zwischen Himmel und Erde - Archäologie und Bauforschung. Kurzführer zum tag des offenen Denkmals 2008. S. 49-62.


Das Chorgestühl im Erfurter Dom - Wo der Schein trügt

Bayreuth/Erfurt, 30. November 2025

 

Schaut mal, was wir bei unserem letzten Besuch in Erfurt und dem traditionell zugehörigen Besuch im Erfurter Dom entdeckt haben! Sitzt doch da tatsächlich eine Dame im Chorgestühl und hält einen Blumenstrauß in der Hand. Fantastisch, eine Quelle für Schnittblumen aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts! Fantastisch deswegen, weil dendrochronologisch gesichert ist, dass die Bäume für das Erfurter Chorgestühl im Winter 1328/29 geschlagen wurden und damit wohl auch die Arbeiten daran begannen. Fertiggestellt war es dann um ca. 1340.

Alles in allem ist es also eine Arbeit aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Auch wenn es erst (frühestens) im Winter 1364/65 an seinem heutigen Platz aufgestellt wurde und sein zwischenzeitlicher Verbleib bis heute ungeklärt ist.
Trotzdem wird es wohl nichts mit unserer "neuen Quelle". Ein Mitarbeiter im Museumsshop hat uns da nämlich ganz schnell auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Und zwar mit der Information, dass die Zwischenwangen zu großen Teilen keine Originale mehr sind. Natürlich und leider hat sich diese Auskunft als vollkommen korrekt herausgestellt, wie wir zwischenzeitlich nachgelesen haben. Tatsächlich wurden 36 der insgesamt 50 Zwischenwangenaufsätze, die die einzelnen Stallen (Sitze) auf Kopfhöhe voneinander trennen, bei der letzten großen Restaurierung des Gestühls am Ende des 19. Jahrhunderts neu angefertigt. Inwiefern das auch den Aufsatz mit der Dame mit dem Blumenstrauß betrifft, konnten wir bisher nicht wirklich herausfinden. Nur dass die dabei neu angefertigten Wangen gröber und kantiger ausgeführt sind, eine andere Formensprache aufweisen und ihnen, wohl kaum verwunderlich, die Spuren jahrhundertelangen Gebrauchs fehlen. Somit ist, unserer Meinung nach, die Dame mit dem Blumenstrauß wohl eher ein Kind des Historismus … und eben keine Quelle für Schnittblumen aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Schade, wäre schön gewesen.

 

Quellen/Literatur:

von Miller, Katharina: Die Möbelrestaurierung in der Denkmalpflege - Entwicklung, Bewahrungsauftrag, Realität. Schriftenreihe des Bayrischen Landesamtes für Denkmalpflege, Nr. 11. München 2015.

Forschungen zu Erfurter Dom - Das Chorgestühl des Erfurter Doms. Arbeitsheft des Thüringischen Landesamtes für Denkmalpflege, Band 20, Teil 2. Altenburg 2005.


Lumpenprivileg - Ein Schelm der böses dabei denkt

Bayreuth, 24. November 2025

 

Worte gibt’s, die gibt’s gar nicht. "Lumpenprivileg" zum Beispiel. Allerdings verrät das Bild dem Kenner sofort, dass das so bezeichnete Privileg keinerlei kriminellen Machenschaft meint. Zeigt doch der Bildausschnitt aus Folio 100r der Schedelschen Weltchronik, die erste Papiermühle im deutschsprachigen Raum. Und bekanntermassen waren Lumpen (verschlissene Kleidungsstücke, Tücher und Fetzen) aus Leinen oder Hanf, noch bis ins 19. Jahrhundert hinein der Rohstoff, der in solchen Mühlen zu Papier verarbeitet wurde. Und das in so großen Mengen, dass der Nachschub, befeuert durch den stetig wachsenden Bedarf an Papier, zu einem immer größeren Problem wurde.

Womit wir beim "Lumpenprivileg" wären. Diese herrschaftliche Maßnahme sollte den Papiermühlen das Erwerbsrecht auf die innerhalb des im Privileg bestimmten Gebiets gesammelten Lumpen sichern und damit deren Rohstoffversorgung gewährleisten. Gleichzeitig definierte es die Pflicht der Lumpensammler, die in diesem Gebiet gesammelten Lumpen nur an die dort privilegierte Papiermühle zu verkaufen. Was natürlich ein gleichzeitiges Ausfuhrverbot der Lumpen bedeutete. Für Nürnberg zum Beispiel ist ein solches Ausfuhrverbot für das Jahr 1490 belegt.

Ach ja! Die im Bild gezeigte, 1390 von dem Kaufmann Ulman Stromer zu einer Papiermühle umgebaute "Gleissenmuel" (später "Hadermül") in Nürnberg, ist zwar die erste Papiermühle im deutschsprachigen Raum, doch ist die Erfindung und der Gebrauch von Papier wesentlich älter. Denn erfunden bzw. perfektioniert wurde es bereits im Jahr 105 n. Chr. von dem Chinesen Cai Lun. Im 8. Jahrhundert gelangte die Erfindung dann von China in den arabischen Raum und von dort, wohl im 11. Jahrhundert, mit den Arabern nach Italien und Spanien und damit nach Europa.

 

Bild: Die Gleissmühl/Hadermül in Nürnberg. Schedelsche Weltchronik von 1493, folio 100r, Nürnberg (Bildausschnitt) von: Michel Wolgemut, Wilhelm Pleydenwurff (Text: Hartmann Schedel), via Wikimedia Commons. Public domain.

Quellen/Literatur:

Schultz, Sandra: Papierherstellung im deutschen Südwesten - Ein neues Gewerbe im späten Mittelalter. In: Lieb, Ludger (Hrsg): Materiale Textkulturen - Schriftenreihe des Sonderforschungsbereichs 933, Band 18. Berlin 2018.

Rohr, Christian: Kompass, Papier und Schießpulver - Zum Technologietransfer zwischen Orient und Okzident und seinen Auswirkungen auf die abendländische Gesellschaft des Spätmittelalters. Vortrag, Salzburg 2003.