Zubringerin - Arbeitsagentur à la Spätmittelalter
Bayreuth, 30. März 2026
Es gibt so manches Berufsbild, das hätte man dem Mittelalter so gar nicht zugetraut hätte. Hier ein Beispiel aus dem spätmittelalterlichen Nürnberg. Und zwar den Beruf der Zubringerin oder mhd. Zupringerin. Der Beruf lässt sich dort zwar bereits seit dem 14. Jahrhundert nachweisen, die Quellen dazu werden allerdings erst im 15. und 16. Jahrhundert so richtig ergiebig. Und darin findet sich die Zubringerin als eine vom Rat der Stadt eingesetzte Frau zur Vermittlung arbeitssuchender weiblicher Arbeitskräfte. Bevorzugt wurden dabei gut beleumundete ältere Frauen, vor allem Witwen städtischer Beamter. Allesamt nach strenger Auswahl. Und auch nur diesen gestattete der Rat, gegen Lohn arbeitsvermittelnd tätig zu werden; allen anderen war dies ausdrücklich verboten. Natürlich durfte auch eine Zubringerin nicht schalten und walten, wie sie wollte ... dafür sorgte ebenfalls der Rat. Das begann mit einem jährlich zu leistenden Diensteid und einem engen Korsett aus Vorschriften. So war eine Zubringerin beispielsweise verpflichtet, eine Arbeitssuchende ohne Unterschied der Person zu vermitteln, war aber gleichzeitig verpflichtet, den künftigen Arbeitgeber über eventuelle Defizite der Bewerberin aufzuklären. Um häufige (vielleicht ursachenlose) Arbeitsplatzwechsel zu verhindern, war es ihr untersagt, der Bewerberin anzubieten, bei Unzufriedenheit am neuen Arbeitsplatz gleich einen anderen, besseren Arbeitsplatz zu besorgen. Wovon natürlich vor allem die Zubringerin profitierte. Denn das Entgelt war nach Einigung und Übereinkunft, jeweils anteilig von Arbeitgeber und Arbeitnehmer zu zahlen. Im Jahr 1521 waren dafür ein Höchstsatz von 10 d.* für den Arbeitgeber bzw. 5 d.* für die Arbeitnehmerin festgelegt.
Soweit der Idealzustand, wenn man sich an die Regeln hielt. Dass es aber mit so mancher Zubringerin auch anders zuging, zeigen die zahlreichen Strafandrohungen und verhängten Strafen gegen sie. Dies wollen wir hier nicht verschweigen. Ebenso nicht, dass der Rat bei häufigen Arbeitsplatzwechseln ebenso gegen Arbeitgeber und/oder Arbeitnehmer direkt vorging.
Quellen/Literatur:
Hering, Gertrud: Die berufstätige Frau in der Reichsstadt Nürnberg bis zum Ende des 16. Jahrhunderts - Ein Beitrag zur Wirtschaftsgeschichte Nürnbergs. In: Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg (Selbstverlag): Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg, Band 88, 2001. Nürnberg 2001. S. 1-91. URL: https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb00001002. Stand 18. März 2006.
*d. = Denarius = Pfennig. Siehe: https://wiki.genealogy.net/index.php/Abk%C3%BCrzungen_von_M%C3%BCnzen. Stand 18. März 2026.
Lumpenprivileg - Ein Schelm der böses dabei denkt
Bayreuth, 24. November 2025
Worte gibt’s, die gibt’s gar nicht. "Lumpenprivileg" zum Beispiel. Allerdings verrät das Bild dem Kenner sofort, dass das so bezeichnete Privileg keinerlei kriminellen Machenschaft meint. Zeigt doch der Bildausschnitt aus Folio 100r der Schedelschen Weltchronik, die erste Papiermühle im deutschsprachigen Raum. Und bekanntermassen waren Lumpen (verschlissene Kleidungsstücke, Tücher und Fetzen) aus Leinen oder Hanf, noch bis ins 19. Jahrhundert hinein der Rohstoff, der in solchen Mühlen zu Papier verarbeitet wurde. Und das in so großen Mengen, dass der Nachschub, befeuert durch den stetig wachsenden Bedarf an Papier, zu einem immer größeren Problem wurde.
Womit wir beim "Lumpenprivileg" wären. Diese herrschaftliche Maßnahme sollte den Papiermühlen das Erwerbsrecht auf die innerhalb des im Privileg bestimmten Gebiets gesammelten Lumpen sichern und damit deren Rohstoffversorgung gewährleisten. Gleichzeitig definierte es die Pflicht der Lumpensammler, die in diesem Gebiet gesammelten Lumpen nur an die dort privilegierte Papiermühle zu verkaufen. Was natürlich ein gleichzeitiges Ausfuhrverbot der Lumpen bedeutete. Für Nürnberg zum Beispiel ist ein solches Ausfuhrverbot für das Jahr 1490 belegt.
Ach ja! Die im Bild gezeigte, 1390 von dem Kaufmann Ulman Stromer zu einer Papiermühle umgebaute "Gleissenmuel" (später "Hadermül") in Nürnberg, ist zwar die erste Papiermühle im deutschsprachigen Raum, doch ist die Erfindung und der Gebrauch von Papier wesentlich älter. Denn erfunden bzw. perfektioniert wurde es bereits im Jahr 105 n. Chr. von dem Chinesen Cai Lun. Im 8. Jahrhundert gelangte die Erfindung dann von China in den arabischen Raum und von dort, wohl im 11. Jahrhundert, mit den Arabern nach Italien und Spanien und damit nach Europa.
Bild: Die Gleissmühl/Hadermül in Nürnberg. Schedelsche Weltchronik von 1493, folio 100r, Nürnberg (Bildausschnitt) von: Michel Wolgemut, Wilhelm Pleydenwurff (Text: Hartmann Schedel), via Wikimedia Commons. Public domain.
Quellen/Literatur:
Schultz, Sandra: Papierherstellung im deutschen Südwesten - Ein neues Gewerbe im späten Mittelalter. In: Lieb, Ludger (Hrsg): Materiale Textkulturen - Schriftenreihe des Sonderforschungsbereichs 933, Band 18. Berlin 2018.
Rohr, Christian: Kompass, Papier und Schießpulver - Zum Technologietransfer zwischen Orient und Okzident und seinen Auswirkungen auf die abendländische Gesellschaft des Spätmittelalters. Vortrag, Salzburg 2003.
Kindersicherung nach Amman - Kleinigkeit am Rande
Bayreuth, 9. November 2025
Ursprünglich wollten wir zur Illustration unseres Artikels "Badehäuser, Tappert, Kottgass – Ein Stadtführungssplitter" erneut den „Bader“ aus Jost Ammans Ständebuch von 1568 verwenden, den wir bereits in unserem Artikel Badehäuser allerorten – Von wegen dreckiges Mittelalter IV verwurstet haben, haben uns dann aber doch, wie zu sehen ist, anders entschieden. Allerdings hat uns ein Detail in der Illustration dazu gebracht, sie doch noch einmal vorzustellen. Diesmal um ihrer selbst willen beziehungsweise wegen jenem kleinen Detail.
Keine Ahnung, warum uns das erst jetzt aufgefallen ist. Zumal uns das Ständebuch schon seit Jahren begleitet. Aber schaut doch mal selbst. Vorne rechts unten. Da sitzt ein kleiner Badegast, in seinem eigenen (Mini-)Zuber. Samt Spielzeug und, ihr seht richtig, Kindersicherung. Ganz simpel in Form eines unter den Armen durchgeführten und hinter der Handdaube verknoteten Tuchs. Großartig, solche Kleinigkeiten am Rande der eigentlichen Geschichte zu entdecken.
Bild und Bildausschnitt: Der Bader, Holzschnitt von Jost Amman, 1568. AndreasPraefcke via Wikimedia Commons. Gemeinfrei.
viabundus - Linktipp mit Routenplaner
Bayreuth, 2. November 2025
Habt ihr euch auch schon einmal die Frage gestellt, wie lange man im Mittelalter von euch zu Hause aus bis in die nächste größere Stadt gebraucht hätte? Zu Fuß oder mit dem Pferd? Die Antwort gibt es hier: viabundus - Online-Straßenkarten des spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Nordeuropas (1350-1650) von der Universität Göttingen. Dabei umfasst Nordeuropa im Moment "nur" für die heutigen Niederlande, Dänemark, Deutschland ab Nürnberg und Heidelberg nordwärts sowie Teile Polens. So der Stand heute, aber es wird fleißig weiter ausgebaut.
Was aber viabundus so besonders macht, ist die integrierte Routenplanung. Richtig gelesen! Routenplanung! Gebt einfach die gewünschte Reisezeit (Jahreszahl) und den Start- und Zielort ein, wählt noch aus, ob ihr die kürzeste oder schnellste Strecke nehmen wollt, klickt euch durch ein paar Optionen und schon wird eure Reise berechnet. Mit Routenansicht, Entfernung und Reisedauer.
Ein Beispiel gefällig? Der in einem der Hausbücher der Mendelschen Zwölfbrüderstiftung (Mendel I, Folio 27 verso) verewigte Fuhrmann (siehe Bild) hätte 1425 mit seinem Karren auf kürzester Strecke über Land von Nürnberg via Herrenhütte (heute ein Stadtteil von Nürnberg), Heroldsberg, Eschenau, Forth, Gräfenberg und Pottenstein bis nach Bayreuth eine Strecke von rund 75 Kilometern zurückgelegt und dazu etwas zweieinhalb Tage gebraucht.
Und bevor jetzt jemand fragt: Nein, wir werden das nicht im Experiment überprüfen. Wie vertrauen da voll und ganz auf viabundus.
Bild) Hausbücher der Nürnberger Zwölfbrüderstiftungen. Mendel I, Folio 27 verso. Public Domain
Sauberes Mittelalter - Doku einmal anders
Bayreuth, 19. Oktober 2025
Normalerweise liest man hier bei uns nichts über TV-Dokus zum Thema Mittelalter. Bis jetzt jedenfalls. Denn diese Doku ist wirklich anders. Was schon mit dem Titel beginnt. "War das Mittelalter schmutzig?" Zu finden in der ARTE-Mediathek, im Menü oben links, unter "Geschichte". Dort in der Rubrik "Geschichte nach Themen" und "Stimmt es dass …?". Nehmt euch die rund 22 Minuten Zeit, es lohnt sich. Denn im Vergleich zu dem, was man sonst so zum Thema Mittelalter und dessen hygienischen Zuständen per TV-Doku zu sehen bekommt, wird hier ziemlich gut abgeliefert … trotz des einen oder anderen Aussetzer beim Thema Notdurft.
Zum Beispiel, dass reiche Bürger sehr wohl einen Abort hatten, die Ärmsten der Armen dagegen zum Verrichten ihrer Notdurft nur der Gang auf die Toilette einer Taverne oder ein Nachttopf blieb. Dass die Verfügbarkeit/Nutzung einer Toilette also eine Frage des sozialen Status war. Dem möchten wir hier mit zwei Nürnberger Quellen in aller Deutlichkeit widersprechen. Allerdings nicht ohne vorab ins Gedächtnis zu rufen, dass Armut nicht gleich Obdachlosigkeit bedeuten muss. Damals wie heute nicht.
Zum einen wäre da also die "Nürnberger Polizeiordnung aus dem 13. bis 15. Jahrhundert" (1). In der findet sich unter „Bauverordnungen des 13. und 14. Jahrhunderts“ folgendes: « Wer hindersezen hat oder hausgenozen, der sol haben ze sinen hausgenozen und zü sinen hindersezen ain prifet ». Wer also Mieter hatte, sollte für diese auch Toiletten haben.
Und da diese Verordnung keine Bedingungen bezüglich des Mietobjekts stellt, dürfte das auch für eher bescheidene Unterkünfte gegolten haben.
Dann ist da noch das "Baumeisterbuch der Stadt Nürnberg (1464-1475)" von Endres Tucher (2). Darin wiederum liest man von sieben « … gemeinen heimlich gemach … » (= öffentliche Toiletten) für Mann und Frau, die von « … der stat nachtmeister … » (= den städtischen Abortreinigern) einmal jährlich geräumt und gereinigt werden mussten. Womit spätestens hier Toiletten nachgewiesen wären, die wirklich für jedermann zugänglich gewesen sein dürften. Auch für die angeführten Ärmsten der Armen. Zumindest in Nürnberg. Wobei wir annehmen, dass Nürnberg hierbei kein Alleinstellungsmerkmal hatte.
Und selbst dann wenn man doch nur einen Nachttopf hatte. Was spricht dagegen, diesen in einen der Bäche oder Abwasserrinnen der Stadt zu entleeren oder ihn auf den Misthaufen hinter dem Haus zu kippen?
Und ob man dann ab/nach dem 16. Jahrhundert bei der Körperpflege tatsächlich komplett auf Wasser verzichtet hat … wir haben da unsere Zweifel. Ist aber auch nicht unsere Zeit.
1) Baader 1861. S. 289.
2) Weech 1862. S. 113. « … eines hinter dem Wildpat, eines pei dem Schießgraben, eines pei der Mang, eines pei der parfüsen Prücken, eines auf dem Schweinmarckt, eines pei der steinen prücken, eines bei dem Irhertürlein. »
Fackeln im Mittelalter? - Gute Frage
Bayreuth, 26. Juli 2025
Ein Archäologen-Abenteuer-Heimkinoabend und die späte Frage: Gab es im Mittelalter auch Fackeln? Ja klar, sieht man manchmal auf Gemälden, oder in Hausbüchern ... oder so. Aber wie die tatsächlich aussahen … noch nie drüber nachgedacht. Aber de facto nicht so wie im Film! Oder vielleicht doch?
Beginnen wir von vorn … beziehungsweise, beginnen wir die Sache dieses Mal zuerst mit der etymologischen Seite. Das Wort "Fackel" geht zurück auf das Mittelhochdeutsche "vackel", welches wiederum auf das Althochdeutsche "fackala" zurüchgeht, was für Fackel und Kienfackel steht und das seinerseits auf das Lateinische "facula" zurück geht. Letzteres ist wiedeum das Diminutiv* von "fax", was wiederum für Kienspan, Fackel, Flamme oder Feuer steht. Womit wir mit fakula = vackel = Fackel bei einem kleinen Feuer wären. Soweit, so klar, es gab Fackeln also schon vor dem Mittelalter. Zumindest dem Namen nach. Doch wie sahen diese aus? Hier können uns die Bildquellen weiterhelfen. Für das Spätmittelalter beispielsweise die Chronik des Benedikt Tschachtlan = Berner Chronik (siehe Bild oben). Die Fackeln dort wirken wie etwas längere, zu einem Bündel zusammengeschnürte Hölzer. Sehr ähnliche Fackeln tragen übrigens die Fackelträger auf dem Deckelrelief des sog. Lipsanoteca di Brescia, einem elfenbeinernen Reliquienkästchen aus dem 4. Jahrhundert.
Leider geben solche Quellen keine Auskunft über das verwendete Material. Waren es, dem althochdeutschen „fackala“ für "Kienfackel" folgend, eventuell tatsächlich einfach nur etwas längere, zu einem Bündel geschnürte Kienspähne? Oder aber einfach nur Bündel dünner Äste, die mit einer brennbaren Substanz präpariert wurden? Für Ersteres würde der Kienspanlieferant selbst sprechen, nennt man die Kiefer doch auch Kienföhre, Kienbaum, Feuerbaum oder eben Fackelbaum. "Kien" meint übrigens den inneren Kern vom totem Holz, in dem sich während des Absterbens des Baumes dessen Harz sammelt, was ebenso bei Tannen, Fichten, Lärchen, Pinien, Birken oder Kirschbäumen auftritt. Letzteres, das Präparieren von Holzbündeln mit einer brennbaren Substanz, findet sich in: Dark ages ? - Licht im Mittelalter. Einer Publikation des Historischen Museums Olten. Darin ist von der Verwendung von Unschlitt (Talg) für die Herstellung von (unter anderem) Fackeln im gesamten mittelalterlichen Europa die Rede. Leider ohne näher darauf einzugehen oder gar eine so hergestellte Fackel zu beschreiben.
Aber vielleicht findet sich deren Beschreibung in einem Artikel von Janne Harjula. Bei ihm ist zu lesen, dass Fackeln aus zu Bündeln gebundenen Zweigen oder Rinde hergestellt wurden. Ganz wie es unsere Bildquelle vermuten lässt. Hergestellt vorzugsweise aus harzhaltigen und damit von Natur aus leicht brennbaren Holz (Kienholz). Oder man trug z. B. Harz oder Teer auf die Bündel auf, um nötigenfalls deren Brennbarkeit zu verbessern.
Ach Ja! Der Artikel von Janne Harjula stellt primär und am Beispiel eines für Finnland wohl einzigartigen Fundes eine ganz andere Art von Fackel vor. Diese besteht aus zwei langen Hölzern, deren obere Enden nebeneinander in einer kompakten Wicklung aus Textil und Pflanzenfasern stecken, welche mit Kiefernteer getränkt ist. Wenn das nicht an einen dieser Archäologen-Abenteuerfilme erinnert?
Die Hölzer im Fund haben dabei eine Länge von 34 bzw. 29 cm, waren ursprünglich aber wohl länger. Die Wicklung selbst ist ca. 90 mm breit und hat einen maximalen Durchmesser von 75 mm. Gefunden wurde die Fackel bei archäologischen Ausgrabungen neben dem Hauptgebäude der Åbo Akademi (Universität) in Turuk.
Zusammen mit der Fackel wurde übrigens auch eine Holzschale mit einem Durchmesser von ca. 18 cm gefunden. In dieser, Kiefenpech-Anhaftungen. Vermutet wird, dass der textile Teil von Fackeln mithilfe solcher Schalen mit Teer getränkt wurde. Datiert sind Fackel und Holzschale zwischen dem späten 14. und dem frühen 15. Jahrhundert.
Mit diesem Fund dürfte dann auch die eingangs aufgegriffene Mutmassung, mit einem Doch, auch Fackeln so ähnliche wie die im Film, zurechtgerückt sein. Aber nicht die Frage, warum die dort in jeder dunklen Gruft griffbereit in der Wand stecken, selbst nach Jahrhunderten noch mühelos anzuzünden sind und dann brennen und brennen und brennen und …
*Verkleinerungsform eines Substantivs mit grammatischen Mitteln
Quellen/Literatur:
Chrzanovski, Laurent und Kaiser Peter (Hrsg): Dark ages ? -Licht im Mittelalter. Historisches Museum Olten, 2007. Via Academia. URL: https://www.academia.edu/1201561/L_Chrzanovski_P_Kaiser_Dark_Ages_Licht_im_Mittelalter_Léclairage_au_moyen_âge_Milano_2007_Edizioni_ET_. Stand 19. Juli 2025.
Etymologisches Wörterbuch des Deutschen; Fackel, … URL: https://www.dwds.de/wb/etymwb/Fackel. Stand 21. Juli 2024.
Harjula, Janne: Valoa ja varjoa Keskiaikainen soihtu Åbo Akademin päärakennuksen tontin kaivauksista Johdantobei. In: Pellinen, Hanna-Maria: Maasta, Kivestä ja Hengestä - Markus Hiekkanen Festschrift. Saarijärvi 2009. S. 314-380. Via Academia. URL: https://www.academia.edu/1056014/Valoa_ja_varjoa_keskiaikainen_soihtu_%C3%85bo_Akademin_p%C3%A4%C3%A4rakennuksen_tontin_kaivauksista_Light_and_Shadows_a_medieval_torch_find_from_the_%C3%85bo_Akademi_main_building_site_excavation_in_Turku_SW_Finland_. Stand 19. Juli 2025.
Bild 1) Tschachtlan, Bendicht und Dittlinger, Heinrich: Berner Chronik. Bern um 1470. Bildausschnitt von Seite 307. Zentralbibliothek Zürich, Ms A 120 via e I manuscripta. URL:. https://www.e-manuscripta.ch/zuz/content/zoom/2402564. Public Domain Mark.
Bild 2) Fackel aus Turuk. Skizze frei nach Pellinen, Hanna-Maria: Maasta, Kivestä ja Hengestä - Markus Hiekkanen Festschrift, S. 314.
Wetzrillen - Wieso? Weshalb? Warum?
Bayreuth, 26. Mai 2025
Sie sind nahezu in ganz Europa zu finden. Natürlich auch in Bayreuth. Wahrscheinlich kennt sie auch jeder ... und rätselt darüber. Die an einen Schiffsrumpf erinnernden Eintiefungen im Sandstein- und im Norden auch in Ziegelmauerwerk historischer Gebäude. Die sogenannten Wetz- oder Schleifrillen. Manchmal auch als Pestrillen oder Teufelskrallen bezeichnet. Oftmals von den sogenannten „Näpfchen“ begleitet. Nahezu halbkugelförmige Vertiefungen. Letztere meist an Sakral-, seltener an Profanbauten.
Leider sind zu Wetzrillen und Näpfchen weder deren Zweck noch das „Werkzeug“, welches solche Spuren im Stein hinterließ, überliefert. Bei den Wetzrillen in steinzeitlichen Höllen, in Tempelanlagen in Ägypten oder an mittelalterlichen Gebäuden durchaus nachvolziehbar, Wenn man aber bedenkt, dass sie sich auch an Gebäuden finden, die erst im 19. Jahrhundert errichtet wurden, wie zum Beispiel am 1803 erbauten Komunbrauhaus in Creußen (Oberfranken), ist das doch eher verwunderlich. War Vorgang/Tätigkeit vielleicht so profan und alltäglich, dass niemand auf die Idee kam, es niederzuschreiben? Damit geht einher, dass sich auch der Entstehungszeitraum der Rillen eines Gebäudes nur selten fassen lässt. Ist es doch gut möglich und scheinbar auch vereinzelt nachgewiesen, dass sie eben nicht bauzeitlich, sondern deutlich jünger sind.
Niedergeschrieben gibt es dagegen eine Vielzahl von Erklärungsversuchen. Dem Autor dieser Zeilen wurden beispielsweise schon zu Schulzeiten erklärt, dass die Wetzrillen beim Nachschleifen der Messer und (Hack-)Beile der Marktleute und Handwerker entstanden seien. Für uns heute ist das nur schwer vorstellbar, bedenkt man die Qualität eines tatsächlichen Wetzsteins.
Eine weitere der vielen Thesen bezüglich der Wetzrillen, die man häufig hört, wurden Anfang der 2000er Jahre von Georg Steffel erneut aufgegriffen. Demnach sind die Wetzrillen beim Feuerschlagen entstanden. Man entzündete also bei Dunkelheit an der Wand des gerade verlassen Hauses (oder Kirche) mit Schlageisen und Zunder sein Laternenlicht. Wie gesagt, oft gehört und gelesen. Bemerkenswert bei Steffel, er hat nicht nur bereits vorhandene Quellen zurate gezogen, sondern auch (hier in Bayreuth) den praktischen Versuch unternommen.
Dabei gelang es ihm erfolgreich, an einer Sandsteinwand mit Schlageisen und Zunder « … ohne besonderen Aufwand und mit Regelmäßigkeit Feuer aus Sandstein zu entfachen. » und anschließend unter Zuhilfenahme einer kleinen Menge Hobelspäne eine Kerze zu entzünden. Nachzulesen im Archiv für Geschichte von Oberfranken, Band 86.
Trotzdem, auch wenn damit bewiesen ist, dass es tatsächlich möglich ist auf diese Art sein Laternenlicht anzuzünden und dabei auch indireket, warum Wetzrillen gleichermassen an Sakral- wie an Profanbauten zu finden sind, bleibt für uns die Frage: Warum man sein Laternenlicht nicht an einer der Kerzen oder Öllichter entzündete, die bei Dunkelheit sicherlich ohnehin in dem Haus brannten, das man zu verlassen vorhatte? Fällt euch ein Grund ein?
Aber egal und wie dem auch sei, wenn wir euch jetzt neugierig gemacht haben, schaut unbedingt auch mal auf schabespuren.de vorbei. Dort gibt es neben unendlich viel Wissenswertem zum Thema auch hunderte von Fundorten katalogisiert. Darunter auch der Verweis auf Rillen die deutlich jünger sind als die Gebäude in die sie eingeschliffen wurden und auch (vermutlich) alle Wetzrillen an Bayreuther Gebäuden. Und klickt/lest ruhig mal in unsere hier unten angehängte Quellen-/Literaturliste rein. Es lohnt sich. Vor allem bezüglich weiterer Deutungen.
Quellen/Literatur:
Steffel, Georg: Die rätselhaften Rillen. In Archiv für Geschichte von Oberfranken, Band 86, 2006. S. 255-262.
Seidl, Heinrich: Schalen und Wetzrillen an Kirchen und Kreuzen in Franken (Teil 2). URL: http://frankenland.franconica.uni-wuerzburg.de/login/data/1993_55.pdf. Stand. 18. Mai 2025.
Heller, Hartmut: Denk mal! - Unscheinbare Narben im Stein. URL: http://frankenland.franconica.uni-wuerzburg.de/login/data/1993_38.pdf. Stand 18. Mai 2025.
Bild 1: Stadtkirche, rechts des Westportals.
Bild 2: Kanzleistaße 9, rechts der Eingangstür
So was von Kontinuität - Never change a running system II
Bayreuth, 9. Februar 2025
Kaum einer von uns Reenactors der so einen (Ast-)Quirl nicht kennt. Sie stehen, man könnte sagen, quer durch die Epochen in jeder Reenactment-Küche. Egal ob Mittelalter, Barock, Gründerzeit oder irgendwas dazwischen. Aber nicht nur dort, sondern auch in der Küche so mancher unserer Urgroßmutter konnte man noch einen solchen Quirl finden.
Letzteres ist umso erstaunlicher, als auch seine Nachfolger, ob aus Porzellan, Holz, Kunststoff oder Metall und weiter bis zum Edelstahlschneebesen und dem elektrischen Handrührgerät (Mixer), ebenfalls dort zu finden waren.
Noch erstaunlicher ist jedoch, wie lange es solche Rührgeräte schon gibt. Nämlich seit mindestens 3300 Jahren, wie uns vor ein paar Tagen gesagt wurde. Gefunden hatte unser Tippgeber (Grüße nach Nürnberg) so alte Astquirle in dem Buch 4000 Jahre Pfahlbauten. Dem Begleitband zur gleichnamigen Landesausstellung Baden-Württemberg 2016. Die dort als bronzezeitlich vorgestellten Quirle stammen aus der Siedlung „Fiavé“ im Trentino, Italien. Diese Siedlung bestand von der Kupfersteinzeit bis in etwa ins 13. vorchristliche Jahrhundert. Womit wir bis zur urgroßmütterlichen Küche des 20. nachchristlichen Jahrhunderts, auf die bereits erwähnten mindestens 3300 Jahre Kontinuität kommen. Ziemlich erstaunlich wie wir finden.
Linktipp: Die Astquirle (siehe unteres Bild) und vieles mehr aus „ Fiavé“ findet man übrigens auch auf der Wikipediaseite zum Pfahlbaumuseum Fiavé (Museo delle Palafitte di Fiavé).
Bild unten: Zwei Schneebesen/Quirl (Bildausschnitt). Dega180 via Wikimedia Commons, CCo.
Wurfgeld und Wallfahrtsgebühr - Alle für einen. Einer für alle
Bayreuth, 20. Oktober 2024
Schon mal was von Wurfgeld oder einer Wallfahrtsgebühr gehört? Nein? Wir bis vor kurzem auch nicht. Auch gesucht haben wir nicht danach. Wir sind vielmehr drüber gestolpert. In: Wachs als Rohstoff, Produkt und Handelsware - Hildebrand Veckinchusen und der Wachshandel im Hanseraum von 1399 bis 1421, von Peter Heinz Stützel. Natürlich wieder mal auf der Suche nach etwas ganz anderem.
Aber zur Sache. Wurfgeld bezeichnet einen Geldbetrag der gezahlt werden musste, wenn auf einem in Seenot geratenen Schiff Waren über Bord geworfen werden mussten, um das Schiff zu retten. Gezahlt wurde das Wurfgeld von den Kaufleuten deren Waren an Bord bleiben durften, an die Kaufleute deren Waren aufgegeben werden mussten. Die anteilige Höhe des zu zahlenden Wurfgeldes errechnete sich dabei aus dem Wert des Schiffes und der noch vorhandenen Ladung.
Und dann gäbe es da noch die Wallfahrtsgebühr. Sie wurde fällig, wenn das Schiff trotz der über Bord geworfenen Waren verloren schien. In diesem Fall schwor man, im Falle des Überlebens, eine Wallfahrt zu unternehmen. Überstand man nun die Seenot letztendlich, wurde jemand dazu bestimmt die Wallfahrt auch tatsächlich zu unternehmen. Finanziert eben durch die Wallfahrtsgebühr. Jeweils zu leisten entsprechen seines Anteils am Wert des Schiffes und seiner noch vorhandenen Ladung.
Der Vollständigkeit halber sei noch das Bergegeld erwähnt. Fast selbsterklärend, das hier der Bergelohn gemeint ist, den ein Kaufmann zu zahlen hatte, dessen Ware geborgen, und ihm zurückgegeben werden konnte. Möglich war die Rückgabe übrigens, weil die Waren in der Regel auf ihrer "Umverpackung", mit einer Handelsmarke versehen waren. Einem bildhaften Zeichen das es ermöglichte, Kaufmann und Ware einander zuzuordnen.
Bild: Kieler Hansekogge auf der Kieler Woche 2007. Nachbau der bei Bremen 1962 aufgefundenen Bremer Kogge von 1380. Fertigstellung des Nachbaus: 1991. VollwertBIT via Wikimedia Commons, CC BY 2.5.
Waldglas - Eine vergängliche Schönheit
Bayreuth, 12. Mai 2024
Wer hat sich nicht schon einmal gewundert, dass mittelalterliches Glas dass in den Vitrinen der Museen zu sehen bekommt, egal ob Scherben oder vollständige Stücke, bis auf wenige Ausnahmen mehr oder weniger angegammelt wirken. Manche scheinen wie aus Milchglas, oder wirken wie von tausend Rissen durchzogen. Andere sind dunkelbraun durchgefärbt und wie aus einem anderen Material scheinend. Dann wieder Stücke, scheinbar mit einem Schmutzfilm oder einer Kruste überzogen. Manchmal (siehe rechts im Bild) so stark, dass man gar nicht glauben mag, dass es sich hierbei um Glas handelt. Alles ganz normal. Denn Glas ist eben nicht der unverwüstliche Stoff, an den modernes Glas uns denken lässt. Im Gegenteil, Glas "gammelt" quasi, wie man früher über Autos sagte, sobald es das Werk verlässt. Oder wie es korrekt heißen muss: Es korrodiert.
Aber nicht nur Waldglas korrodiert. Auch antikes und nachmittelalterliches Glas korrodiert. Chemisch gesehen geschieht dies durch das Eindringen von Wasser ins Material. Dort löst das Wasser dann Alkalianteile aus dem Flussmittel und ersetzt diese durch Wasserstoffionen aus dem Wasser. Dadurch werden die Siliziumoxidbindungen aufgelöst. Das Glas korrodiert. Die dabei entstehende Lauge beschleunigt die Auflösung weiter. Waldglas ist durch die als Flussmittel zugesetzte Holzasche und das darin enthaltene Kaliumkarbonat besonders anfällig für diesen Prozess. Ein Prozess der durch das für die Glasherstellung notwendige Flussmittel quasi vorprogrammiert ist. Allerdings machten Flussmittel die Herstellung von Glas erst möglich, da reiner Quarz(-sand) erst bei ca. 1700 Grad schmilzt, eine Temperatur die mit antiker oder mittelalterlicher Technik nicht zu erreichen gewesen war. Erst durch die Zugabe von mineralischem Soda oder Sodaasche und ab der Karolingerzeit im nordeuropäischen Mittelalter dann ersatzweise Holzasche (= Holzasche-Glas = Waldglas) als Flussmittel, war es möglich die Schmelztemperatur auf ca. 1100 Grad zu senken. Diese Erkenntnis und die Technik Feuer mit über 1000 Grad zu betreiben, geht übrigens bis in die mittlere Bronzezeit zurück und hat ihren Ursprung wohl in Mesopotamien und Ägypten. Zu uns gelangte die Technologie der Glasherstellung dann mit der römischen Expansion über die Alpen in das Gebiet des heutigen Deutschland erst im 1. Jahrhundert (nach Christus).
Neugierig geworden? Kein Problem! Hier noch etwas Lesestoff zu Thema.
Zuerst, primär zu Glaskorrosion bei antiken Gläsern: Die Inaugural-Dissertation von Katrin Wittstadt: Tiefenrisskorrosion an historischen Gläsern - Grundlegende Untersuchungen zur Klärung von Schadensursachen und dem Einfluss von Umgebungsbedingungen, von 2017.
Dann noch zu Glaskorrosion an mittelalterlichen Waldglas: Abschlussbericht zum „Waldglasprojekt“ der Deutschen Bundesstiftung Umwelt - Die modellhafte Bergung, Konservierung und Restaurierung umweltgeschädigter archäologischer Funde am Beispiel mittelalterlicher Gläser aus dem Weserbergland, von 2018.
Und zuletzt zu Glaskorrosion an Glas ab dem 17. Jahrhundert: Ein Artikel aus der Zeitschrift für schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte, Band 59. Andrea Schwarz: "Kranke" Gläser : Formaldehydemission und Glaskorrosion - Untersuchungen am Beispiel der Glassammlung des Schweizerischen Landesmuseum, von 2002.
Im Bild links: Scherbe eines Nuppenbechers "Schafhausener Typ". Mitte/Ende 14. Jahrhundert. Bayreuth, Grabung "Ehemalige Schmidgasse".
Im Bild rechts: Hals einer Flasche mit Stauchring (doppelkonische Flasche). Mitte/Ende 14. Jahrhundert. Bayreuth, Grabung "Ehemalige Schmidgasse".
Archäologie in 700 Jahren - Aus gegebenem Anlass
Bayreuth, 2. Dezember 2023
Ihr erinnert Euch doch sicher noch an unseren Sammler von Vierpassbechern (siehe 24. April 2023). Seine Sammlung hat ungewöhnlichen Zuwachs bekommen. Einen RECUP-Pfandbecher. Der stand da eines Tages zwischen den vielen Vierpässen auf dem Regal. Und wie in jedem Vierpass unseres Sammlers befand sich auch in diesem Becher ein Zettel mit Fundort/Grabung und Datierung. Darauf zu lesen: Nürnberg, Augustinerstraße, Anfang 21. Jahrhundert. Genau unser Humor.
Und für uns Anlass, diesen Becher kurz mal als tatsächlichen Fund zu betrachten und hier in die Runde zu fabulieren was, sagen wir mal im Jahr 2723, in der Ausstellung "Schlaglichter aus dem Nürnberg der zweiten Moderne" auf der Vitrine über diesen Becher zu lesen sein wird?
Vielleicht folgendes:
Ach ja: Der Becher steht übrigens immer noch da wo er so überraschend aufgetaucht ist und soll auch weiterhin dort stehenbleiben.